Wenn ich an die Zeit denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut…

Interview mit Oswald Prinz, dem Mitbegründer von Testo Österreich, im Juni 2021 – durchgeführt von Markus Parth, dem derzeitigen Geschäftsführer von Testo Österreich:

Oswald Prinz empfängt mich um 08:00 Uhr am Morgen in sportlichem Outfit in jenem Haus, in dem die Testo Österreich 38 Jahre lang ihren Sitz gehabt hat. Er hat bereits über zwei Stunden Krafttraining mit seinem Personal Trainer hinter sich. Oswald Prinz macht einen fitten und zufriedenen Eindruck und bittet mich auf die Dachterrasse. Obwohl nicht vereinbart oder angekündigt, serviert mir Hr. Prinz ein feines Frühstück.

Kannst du Dich noch erinnern, wie für Dich und Testo Österreich damals alles begann?

Im Grunde war es einfach. Ich habe immer die Vorstellung gehabt, mich selbständig zu machen. Ich war damals bei der Fa. Kiepe-Electric beschäftigt, die die Geräte der Testotherm vertrieben haben.
Ich habe gesehen, dass es da noch deutlich mehr Potential gibt, und habe dann nach rund einem Jahr Vorbereitung schlussendlich mit Hr. Gerd Knospe einen Weg gefunden, 1981 gemeinsam eine Firma für den Vertrieb und Service von Testo Geräten in Österreich zu gründen.
Zusammen mit Frau Hotzek, die ich als Sachbearbeiterin von der Fa. Kiepe-Electric mitgenommen habe, haben wir hier im Haus Räumlichkeiten von ca. 90 m² bezogen. Das Haus selbst war noch mit Mietwohnungen belegt.
Ich kann mich genau erinnern, mit welcher Euphorie wir an die Sache gegangen sind. Ich habe mich als Unternehmer richtig wohl gefühlt. Selbst gestalten zu können war für mich befreiend, und wenn ich an die Zeit denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Wie waren diese ersten Jahre?

Im ersten Jahr konnten wir die Umsätze gegenüber der früheren Vertriebsgesellschaft bereits verdoppeln. Das Aufkommen der elektrischen Messmöglichkeiten bei nicht elektrischen Größen hat uns sehr geholfen, und hier waren wir mit den Testo Produkten genau am Puls der Zeit.
Wir haben damals bereits die Märkte wie Heizungstechnikhandwerk, Lebensmittelindustrie, und Pharmaindustrie als Kunden bedient. Im Grunde genommen waren wir die ersten 20 Jahre nur im Aufbruch und wir konnten unser Geschäftsfeld ständig erweitern. Selbst konjunkturelle Dellen haben uns in Österreich nicht wirklich getroffen.
Durch die Innovationen im Mutterhaus hatten wir ständig neue Produkte zur Verfügung, die wir praktisch nur noch im Markt unterbringen mussten.
Es war auch unsere Idee, gemeinsam mit Hr. Jürgen Hinn für Deutschland und ich für Österreich, einen Kalibrierdienst aufzubauen. Wir hatten gesehen, dass auch andere Firmen wie die ÖMV diesen Service anbieten und haben hier große Chancen gesehen. Wir konnten dann auch Hr. Gerd Knospe überzeugen und wie man sieht, hat sich daraus eine erfolgreiche eigenständige Firma entwickelt.

Wie wurden damals diese runden Jubiläen begangen?

Nach zehn Jahren waren wir bereits 12 Mitarbeiter. Das 10 Jahresjubiläum ist mir in besonders guter und schöner Erinnerung, und wurde hier in Wien mit einem sehr schönen Fest zelebriert. Sämtliche Geschäftsführer der Landesorganisationen aus vielen Ländern sind nach Wien gekommen und waren im Hotel Wilhelminenberg untergebracht. Seinerzeit hatten wir in Österreich einen höheren Umsatz als Länder wie Frankreich, die USA oder GB.

Oswald Prinz und Markus Parth, Testo Österreich

Aus der Fülle der Geschichten und Anekdoten – an was erinnerst Du dich gerne zurück?

Einige Kunden sind gute Freunde geworden, mit denen ich immer noch in persönlichem Kontakt bin. Auch meine jetzige Lebenspartnerin habe ich als Mitarbeiterin eingestellt. Die Fa. Vaillant ist ein sehr guter Kunde von Testo, und hier gibt es eine schöne Geschichte dazu. Bei der Übernahme unseres ersten Geschäftslokal wurde auch die Heizungstherme gewartet. Ich habe dann den Techniker gefragt, ob er denn keine Messungen durchführen würde. Er hat geantwortet, dass nur die Obermonteure im Besitz von Messgeräten sind. Er hat mir dann einen Kontakt genannt, den ich angerufen habe. Die Geräte wurden damals über einen Händler aus Deutschland eingekauft und das Resultat war, dass wir ins Geschäft gekommen sind und eine bis heute anhaltende und für beide Seiten erfolgreiche Geschäftsbeziehung aufbauen konnten.
Ich erinnere mich auch, dass wir einmal nach einem Meeting und dem anschließenden Abendessen im Schwarzwald zu dritt nach Wien zurückgefahren sind, und am nächsten Tag war ich bereits wieder um 09:00 bei einer Fachtagung der Rauchfangkehrer in der Steiermark.

Wie hast du die Übergabe von Hr. Gerd Knospe an seinen Sohn und jetzigen Vorstandsvorsitzenden Hr. Prof. Burkart Knospe erlebt?

Durch die Gründung weiterer Tochtergesellschaften und den Zukauf von Firmen mit interessanten Produkten hat sich das Unternehmen sehr vergrößert und hat dadurch zwangsläufig auch die Strukturen eines Konzerns angenommen.
Hr. Prof. Knospe hat die Modernisierung weiter vorangetrieben und stellt durch die Umstrukturierung in Instrumentation und Solution die Weichen für die Zukunft. Prägend und wichtig für uns war auch die Einführung eines einheitlichen ERP-Systems für das HQ und die Tochtergesellschaften.

Ich trete als einer deiner Nachfolger in große Fußstapfen. Hast du einen Ratschlag für mich?

Selbst durch die herausfordernden aktuellen ökologischen und technischen Entwicklungen sehe ich weiterhin große Chancen für Testo, wenn die Innovationskraft bei Testo bestehen bleibt. Testo hat einen ausgezeichneten Ruf im Markt, den es zu verteidigen gilt.
Nichts ist allerdings beständiger als der Wandel. Der Markt muss beobachtet werden und es muss reagiert, aber besser noch antizipiert und agiert werden. Testo HQ muss bei ihren Entwicklungen auch die Besonderheiten der lokalen Märkte berücksichtigen, um diese optimal bedienen zu können.

Was sind deine persönlichen Pläne und gibt es Pläne für das Haus, aus dem die Testo GmbH 2019 ausgezogen ist?

Ich werde weiterhin sportlich bleiben und nehme das Datum im Pass nicht so ernst. Ich wünsche mir Gesundheit um das Leben weiterhin so wie jetzt genießen zu können.
Wir nutzen einen Großteil des Hauses und erfreuen uns immer wieder Gäste zu bewirten und schätzen die Möglichkeit, auch 30 Leute oder mehr empfangen zu können. Wir haben einen neuen Verkostungsraum neben den bekannten Weinkeller installiert, und ich freue mich auf das nächste Fest. Prost!