Kältemittel-Domino - und die Folgen für Wartung und Service

Die ersten Steine sind gefallen. Mitte April hat ein führender Hersteller den Produktionsstopp der Hoch-GWP Kältemittel R404A und R507 angekündigt. Weitere werden folgen – aber mit welchen Folgen für Wartung und Service?

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Schon diese Nachricht hat Anfang April aufhorchen lassen. „Chemours erhöht mit Wirkung zum 1. Mai 2017 – bzw. entsprechend vertraglicher Vereinbarungen und gesetzlicher Regelungen – die Preise für Freon Kältemittel in Europa. Davon betroffen sind die Freon-Kältemittel. Die Preise für Freon 404A (GWP 3922) und 507A (GWP 3985) steigen um 30 Prozent. Um jeweils 10 Prozent geht der Preis nach oben für 407A (GWP 2107), 410A (GWP 2088), 407C (GWP 1774) sowie 134a (GWP 1430). Die Preiserhöhung ergibt sich aus dem Wechsel von Kältemitteln mit hohem Treibhauspotenzial zu Low-GWP-Technologien wie z.B. die Opteon-Kältemittel XP40 (R449A), XP44 (R452A) und XP10 (R513A).“

Dann aber wenige Tage später: „Honeywell plant die Einstellung des Verkaufs der Kältemittel Genetron® 404A (R404A) und Genetron® AZ-50 (R507) in der Europäischen Union für das Jahr 2018, soweit bestehende Vertragsvereinbarungen dies zulassen, um die von der F-Gase-Verordnung der EU festgelegte Frist einzuhalten. Diese sieht das Ende des Einsatzes von Fluorkohlenwasserstoffen mit hohem Treibhauspotenzial (GWP) bis zum Jahr 2020 vor. Honeywell empfiehlt seinen Kunden, ihren Wechsel zu bereits verfügbaren umweltfreundlicheren Kältemitteln zu beschleunigen, um Lieferengpässe zu vermeiden.“ Das Ende der ersten HFKW-Kältemittel ist damit eingeläutet. Aber wird es dieses Mal ein Ende mit kurzem Schrecken – oder wie beim H-FCKW Phase-Out ein Schrecken ohne Ende.

Auch Ihr Stein fällt – früher oder später


Wenn Sie Kälteanlagen betreiben, ist die statistische Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch Ihre Anlage(n) früher oder später trifft. Früher in der Gewerbekühlung, oder wenn Prozesse bei Ihnen tiefe Temperaturen erfordern – dann geht es in der Regel um Kältemittel mit hohen GWP-Werten. Etwas später, wenn Prozesswärme abgeführt werden muss, wenn klimatisiert wird oder wenn Sie Wärmepumpen betreiben.

Die Mehrzahl dieses Anlagenbestands ist heute noch befüllt mit den synthetischen Stoffen R404A, auch R507, R134a, R410A und R407C. Das zeigt eine Statistik, die der Verband Deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe (VDKF) einmal im Jahr über Kältemittel-Emissionen aus deutschen Kälte- und Klimaanlagen erhebt, immerhin über 111.000 Systeme. Und jetzt aufgepasst: Darunter finden sich sogar noch Kälteanlagen mit den Stoffen R22 und R12 der ersten Generation nicht natürlicher Kältemittel in unerwartet hohem Maße. Warum aufgepasst?

Nun, deren Dominosteine sind schon vor etlichen Jahren gefallen. Außerdem wurden für beide damals Nachfüllverbote ausgesprochen, die 1998 bzw. 2015 in Kraft traten. Diese Anlagen dürfte es eigentlich nicht mehr geben. Denn muss in deren Kältekreislauf eingegriffen werden, geht die Anlage sofort außer Betrieb. Weder Wartung, noch Service zum Nachfüllen sind daran mehr erlaubt. Denn werden temperaturempfindliche Waren gekühlt, oder hängen Produktionsprozesse daran, kann der Schaden beträchtlich ausfallen. Darum sollten Sie nicht warten, wenn jetzt die Steine für Ihre R404A oder R507-Kälteanlagen gefallen sind.

Kein einfaches Spiel


Nun ist das aber einfacher gesagt, als getan. Denn was macht ein Betreiber? Er schaltet seinen Kälteanlagenbauer ein und erwartet eine Alternativlösung. Oder noch besser: Der Wartungs- oder Servicemonteur geht selbst proaktiv vor und macht seinen Kunden zum Beispiel auf dessen R404A-Anlagen aufmerksam. Er rät, das System zumindest auf eine mittelfristige Variante umzustellen, oder noch besser gleich in eine Langzeitlösung zu investieren. Mittelfristig, heißt, dass oft mit einfachen Mitteln eine Bestandsanlage durch ein Retrofit auf ein anderes Kältemittel umgestellt werden kann – dessen Dominostein aber ebenfalls irgendwann fallen wird. Langfristig meint, jetzt zu investieren, um dann von der F-Gase-Verordnung nicht mehr betroffen zu sein. Das ist so bei den neuen HFO-Stoffen und war schon immer für die natürlichen Kältemittel der Fall.

In der Praxis wird für den Anlagenbestand aber sicher in vielen Fällen eine Umrüstung die pragmatischste Herangehensweise sein. Dann hat der Servicemonteur kein einfaches Spiel. Denn die Kältemittelindustrie bietet heute eine kaum überschaubare Menge an Alternativen. Alle haben sie ‚ihre‘ Lösungen parat. Und welche ist die Richtige?

Ein Beispiel gefällig?


Ein schönes Beispiel bietet die Gewerbekälte. Dort hat der Umstellungsprozess inzwischen begonnen und werden bei Neuanlagen als Langzeitlösungen praktisch nur noch natürliche Kältemittel wie R744 (CO2) und in zunehmendem Maße auch R290 (Propan) oder R723 (ein Gemisch aus Ammoniak und Dimethylether) eingesetzt. Es gibt aber unzählige R404A-Bestandsanlagen verschiedenster Kälteleistungsklassen, die erst kurze Laufzeiten haben, oder bei denen aus anderen Gründen eine Neuanlage keinen Sinn macht. Genau an diesem Punkt wird es für den Servicemonteur kompliziert und unübersichtlich. Welche Low-GWP Lösung ist die Richtige für meine Kunden? Womit ist er für die kommenden Jahre gut bedient? Wozu rate ich, was mache ich, womit gibt es schon Erfahrungen?

Um es abzukürzen: Derzeit wird viel ausprobiert, getestet und darüber auch berichtet. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Leben für Wartung und Service alles andere als einfach ist.

Entschieden einfach


Nun muss aber eine Entscheidung her. Die trifft jeder Kälteanlagenbauer nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des Kunden. Und egal, welche Lösung am Ende den Zuschlag bekommt, das anschließende Umstellen der Anlage wird dann zum Kinderspiel, geht es doch um gelerntes Handwerk. Anlage evakuieren, Ölwechsel, neues Expansions- oder Sicherheitsventil, Update der Steuerungs- und Messtechnik, gegebenenfalls ein Dichtungswechsel, vielleicht ein anderer Verdichter, evakuieren, neues Kältemittel rein, einregulieren – fertig. Mit der richtigen digitalen Monteurhilfe spielt es jetzt keine Rolle mehr, für welche Alternative Sie sich entschieden haben. Alle relevanten Kältemittel sind in den digitalen Geräten von Testo mit Smartphone Bedienung hinterlegt. Damit wird ein Retrofit nebst Datenaufzeichnung und digitaler Weitergabe für die Dokumentation einfach. Wenn Sie also richtig entscheiden, hat Ihr Servicefahrzeug vielleicht noch mehrere Kältemittelflaschen – aber nur eine Monteurhilfe an Bord. Einfacher geht es nicht!

Hintergrund: EU setzt auf die Quote

Die neue EU F-Gase-Verordnung (EG) Nr. 517/2014 verschärfte zum 1. Januar 2015 die Verringerung der CO2-Emissionen durch fluorierte Treibhaugase. Deren Emissionen in CO2-Äquivalenten müssen bezogen auf den Basisdurchschnitt 2009-2012 bis zum Jahr 2030 um 79% gesenkt werden. Auf welchen Wegen die Mengenreduzierungen erreicht werden, bleibt den Marktmechanismen überlassen. Die in Verkehr gebrachte F-Gase Menge in CO2-Äquivalenten wird durch jährlich zugeteilte Quoten kompromisslos abgesenkt. So muss von jedem, der Kältemittel produziert oder importiert seine Quote, also der Anteil an der Gesamtmenge, rechtzeitig für das kommende Jahr beantragt werden. Der Zuteilungsmodus, wer, wieviel, wofür und woher erhält, ist genau festgelegt. Dem Markt bleiben zwei Möglichkeiten: Die sukzessive Senkung des CO2-Äquivalents über die Kältemittelfüllmengen oder über das Treibhauspotential der Kältemittel. Dafür gilt die Formel:

CO2eq = GWP x Füllmenge

Da Füllmengen wenig variabel sind, ist der Faktor ‚Treibhauspotential‘ der Schlüssel zur Senkung des CO2-Äquivalents. Bisher verwendete Kältemittel mit einem hohen GWP-Wert werden nach und nach unattraktiv, rar, teuer und letztendlich durch Alternativen ersetzt. Am härtesten trifft es schon jetzt das Kältemittel R404A (gefolgt von R507 und R422D), das am globalen Kältemarkt einen großen Anteil hat. Dessen GWP-Wert von 3922 liegt weit über der Schallmauer von 2500, deren Überschreitung ab 2020 in Europa ein Verwendungsverbot nach sich zieht. R404A wird daher als Frischware bald vom Markt verschwinden. Im Bestand verteuern sich Arbeiten für Reparatur und Service spürbar mit dann für eine gewisse Zeit noch verfügbarer Recyclingware.

Alle Informationen zu den Testo Produkten für Kälte und Klima finden Sie hier: www.testo.de/kaelte

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