„Ich habe eine gute Zeit erlebt“

„Als er bei Testo anfing gab es noch keine Forschungsabteilung – heute ist Testo stolz auf zahlreiche hochinnovative Entwicklungen, die unter seiner Ägide entstanden“ - so steht es vor neun Jahren in der „testo intern“. Die Rede ist von Dr. Hans-Ullrich Demisch, der 1983 bei Testo als Entwicklungsleiter startete und von 1989 bis 2010 Forschungsleiter war. Aus Anlass des 60. Firmenjubiläums lässt er uns an seinen Erinnerungen teilhaben.

Dr. Hans-Ullrich Demisch

Herr Dr. Demisch, was ist Ihre erste Erinnerung an Testo?

Dr. Demisch: Unvergessen bleibt, wie mir die Sekretärin des Chefs drei Tage nach meiner Einstellung am Schmutzigen Donnerstag 1983 die Krawatte abschnitt. Und das war eine schöne Krawatte. Ich hatte ja keine Ahnung, was hier im Schwarzwald für Sitten herrschen (lacht).

Der Firma sind Sie dann „trotzdem“ 17 Jahre treu geblieben…

Dr. Demisch: Ja, das stimmt. Ich habe mich bei Testo wohlgefühlt, hatte das Vertrauen der Geschäftsleitung, war viel unterwegs. Bei Testo war man mittendrin, mitten im Betrieb und am Wachstum beteiligt. Wenn ich auf mein Arbeitsleben zurückschaue, kann ich sagen: Ich habe eine gute Zeit erlebt.

Was hat Sie damals von Melsungen nach Lenzkirch verschlagen?

Dr. Demisch: Bei meinem vorherigen Arbeitgeber habe ich mich gelangweilt. Ich war noch keine 40 und wollte mich und auch Andere verändern. Zudem gefällt mir der Süden. Ich kannte Testo bereits und wusste, dass die Firma stark wächst und noch immer keinen Feuchtesensor hatte. Daraufhin habe ich mich als Leiter Forschung und Entwicklung beworben.

Der Feuchtsensor scheint in Ihrer Testo-Biografie eine wichtige Rolle zu spielen.

Dr. Demisch: Genauso ist es. Es gab bis 1989 keinen vernünftigen Feuchtesensor. Wir haben diesen extern eingekauft und waren mit der Qualität nicht zufrieden. Der damalige Vorstandsvorsitzende Gerd Knospe stellte mich daraufhin frei und beauftragte mich mit der Entwicklung eines brauchbaren, zuverlässigen Feuchtesensors. Er wollte für die Hannover-Messe 50 funktionsfähige Feuchtesensoren aus dem Hause Testo. Eines Tages hatte ich die zündende Idee für einen Prototypen, damals sagte man Muster, und ich bekam einen zweiten Mitarbeiter gestellt.

Wie ging es dann weiter?

Dr. Demisch: Ich meldete ein Patent an und reiste für die benötigten Materialien um die Welt. Zum Beispiel nach Japan für die Keramik oder in die USA für das Polymer. Die Deckelschicht fand ich in Frankfurt am Main. Auf der Hannover-Messe überraschte ich dann alle mit den 50 Sensoren. Die Sensoren wurden übrigens zwei Monate nach dem Mauerfall in Ostdeutschland, dort war die einzige Behörde, die es dafür gab, bei sehr hohen Feuchten getestet. Die Sensoren waren absolut perfekt und wurden erfolgreich verkauft. Testo hatte seitdem jahrelang den einzig brauchbaren Feuchtesensor in Europa. Später durfte ich auch Vorträge darüber halten. Zum Dank und als Anerkennung erhielt ich damals sogar eine Medaille, die ich heute noch habe.

Was für eine Geschichte. Und dann gab es noch den Anruf 1991…

Dr. Demisch: In der Tat. Damals erreichte mich plötzlich ein Anruf aus Österreich. Man habe etwas gefunden, was bei hohen Feuchten und tiefen Temperaturen gelagert werden müsse. Das könnte wohl eine Leiche sein dachte ich mir. Gespannt fuhr ich nach Innsbruck und brachte die entsprechenden Geräte zur Feuchteüberwachung mit. Gebraucht wurden sie dann im Operationssaal zur Autopsie des Ötzi.

Hat Sie als Tüftler und Physiker nicht auch die Wissenschaft gereizt?

Dr. Demisch: Mir war die wissenschaftliche Arbeit ehrlich gesagt zu unverbindlich. Ich wollte in die Industrie gehen, am Ende einer Entwicklung ein Produkt in der Hand halten und sagen „Ein Stück davon hast Du gemacht.“ Man muss nicht in der Forschung bleiben. Physiker sind sehr gefragt. Selbst Bundeskanzler können sie werden.