Testo: Warum wird das Thema Luftqualität Ihrer Meinung nach trotz hoher Relevanz oft unterschätzt oder “übersehen”?
Prof. Dr. Zißler: Luft ist unser meistgenutztes „Lebensmittel“ – wir atmen täglich rund 12.000 Liter ein. Trotzdem schenken wir ihr kaum Aufmerksamkeit. Das liegt vor allem an ihrer Unsichtbarkeit: Belastungen werden kaum wahrgenommen, akute Symptome treten selten auf, während die langfristigen Folgen oft unterschätzt werden.
Im Gebäudebereich richtet sich der Blick noch immer stark auf Energieeffizienz, Baukosten und Design – also auf das, was sichtbar und leicht messbar ist. Die gesundheitliche Bedeutung der Raumluft gerät dabei häufig in den Hintergrund, obwohl ihr Einfluss auf Wohlbefinden, Produktivität und Krankheitsraten wissenschaftlich belegt ist.
Erschwert wird dies durch fehlende verbindliche Standards, die verbreitete Haltung „Lüften reicht doch“ und mangelnde Mess- und Bewertungsgrundlagen. Dadurch bleibt Luftqualität für viele schwer greifbar und kaum vergleichbar.
Die große Chance liegt in kontinuierlichem Monitoring, fundierter Forschung und verständlicher Kommunikation. Im Zusammenspiel von Wissenschaft und Industrie können so Lösungen entstehen, die gute Innenraumluft dauerhaft in Planung, Betrieb und Alltag verankern.
Testo: Welche direkten und indirekten gesundheitlichen Risiken sind mit schlechtem Raumklima verbunden?
Prof. Dr. Zißler: Schlechtes Raumklima ist kein Komfortproblem, sondern ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko. Kurzfristig zeigt es sich durch Müdigkeit, Kopfschmerzen, Reizungen der Augen, Nase und Atemwege sowie durch Konzentrationsprobleme.
Langfristig sind die Folgen deutlich gravierender: Dazu zählen chronische Atemwegserkrankungen, eine erhöhte Herz-Kreislauf-Belastung und sogar zellulärer Stress, der inzwischen biologisch nachweisbar ist. Unzureichende Lüftung sowie zu hohe oder zu niedrige Luftfeuchtigkeit erhöhen zudem das Infektionsrisiko und begünstigen bakterielles Wachstum. Schon moderate Schadstoffbelastungen können oxidative Stressreaktionen und latente Entzündungen auslösen.
Diese Zusammenhänge werden heute systematisch erforscht, um den Einfluss schlechter Innenraumluft auf Erkrankungen besser zu bewerten und klare Kriterien für gesunde Raumluft abzuleiten. Das Thema ist inzwischen auch international verankert – die gesundheitlichen Folgen schlechter Innenraumluft werden uns in den kommenden Jahrzehnten noch deutlich stärker beschäftigen.
Testo: Welche Rolle spielt die korrekte Erfassung des Volumenstroms für Luftqualität und Gesundheit im Betrieb?
Prof. Dr. Zißler: Die korrekte Erfassung des Volumenstroms ist nicht nur eine technische, sondern vor allem eine gesundheitliche Frage. Schon geringe Abweichungen in der Luftzufuhr können messbare Auswirkungen auf Wohlbefinden und physiologische Prozesse haben.
Ein zu niedriger Volumenstrom führt dazu, dass CO₂, VOCs und Partikel länger im Raum verbleiben. Das belastet Atemwege und Schleimhäute und wirkt sich bis auf die Zellgesundheit aus – unter anderem durch Entzündungsreaktionen und oxidativen Stress.
Diese Zusammenhänge zeigen, dass die Effekte schlechter Luftqualität tiefer gehen, als sie im Gebäudebetrieb bislang systematisch berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf: Luftführung und reale Volumenströme müssen besser verstanden und in praxistaugliche Konzepte übersetzt werden.
Mit heutigen Lösungen lassen sich diese Effekte bereits erfassen. Die präzise Messung und kontinuierliche Überwachung des Volumenstroms ist daher nicht nur für Komfort und Energieeffizienz relevant, sondern auch ein zentraler Baustein der Gesundheitsprävention.
Testo: Wie sinnvoll sind PMV/PPD-Kennzahlen in der Praxis, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit abzubilden?
Prof. Dr. Zißler: PMV und PPD sind etablierte Kennzahlen zur Bewertung der thermischen Behaglichkeit in Innenräumen. Der PMV beschreibt den empfundenen Komfort von „kalt“ bis „warm“, der PPD schätzt den Anteil unzufriedener Personen.
Sie sind sehr hilfreich, um thermischen Komfort sicherzustellen, und bilden diesen Aspekt zuverlässig ab. Für eine ganzheitliche Bewertung von Gesundheit und Luftqualität sollten sie jedoch durch zusätzliche Parameter ergänzt werden, da sie die Zusammensetzung der Raumluft nicht mitberücksichtigen. So lässt sich thermisches Wohlbefinden sinnvoll mit einer gesundheitsorientierten Luftqualitätsbewertung verbinden. PMV und PPD sind daher wichtige, aber unvollständige Indikatoren. In modernen Gebäuden sollten sie immer gemeinsam mit Parametern wie CO₂, VOCs, Feinstaub und Luftfeuchtigkeit betrachtet werden.
Langfristig braucht es ganzheitliche Bewertungsansätze, die Komfort und Gesundheit zusammenführen und auch biologische Wirkungen berücksichtigen.
Testo: Inwiefern ist CO2 ein verlässlicher Proxy für „gute Luft“ und kognitive Leistungsfähigkeit? Wie verlässlich ist ein niedriger CO2-Wert als Indikator dafür, dass auch andere Luftqualitätsparameter im grünen Bereich sind und die Gesamtluftqualität stimmt?
Prof. Dr. Zißler: Ein niedriger CO₂-Wert bedeutet nicht automatisch gute Luft, da er nur einen Aspekt abbildet. Andere relevante Faktoren wie VOCs, Feinstaub oder Ozon bleiben dabei unberücksichtigt. CO₂ ist ein wichtiger Startpunkt – für eine umfassende Bewertung braucht es ergänzende Parameter. CO₂ liefert vor allem Hinweise auf Frischluftzufuhr und Belegung: Steigende Werte zeigen an, dass verbrauchte Luft nicht ausreichend abgeführt wird. In diesem Sinne ist CO₂ kein Schadstoff, sondern ein praxistauglicher Indikator für die Lüftungseffektivität.
Schon moderate Erhöhungen – etwa zwischen 1.000 und 1.500 ppm – beeinträchtigen die kognitive Leistungsfähigkeit messbar. Reaktionszeiten verlängern sich, Fehler nehmen zu und Entscheidungen werden schlechter getroffen. Besonders in Arbeitsumgebungen mit hohen Konzentrationsanforderungen ist CO₂ daher ein wichtiger Parameter für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.
Deshalb geht der Trend zu kombinierten Messsystemen, die CO₂ mit weiteren Parametern wie VOCs und Feinstaub verknüpfen. So entsteht ein ganzheitlicheres Bild der Luftqualität.
Zusammengefasst: CO₂ ist ein guter Einstieg in die Bewertung der Raumluft, aber kein vollständiges Abbild. Für eine fundierte Beurteilung braucht es mehrere Messgrößen und deren Zusammenspiel.
Testo: Welche Größen sind Ihrer Meinung nach besonders wichtig, um die Raumluftqualität zu bewerten? Und wo könnten Sie sich vorstellen, dass zukünftig Messungen stattfinden, vielleicht auch in Bereichen, für die heute noch keine Messtechnik verfügbar ist?
Prof. Dr. Zißler: Für eine ganzheitliche Bewertung der Innenraumluft ist das Zusammenspiel mehrerer Messgrößen entscheidend. Dazu zählen insbesondere VOCs, die wichtigen Hinweise auf Emissionsquellen liefern, sowie Feinstaub – vor allem Partikel kleiner als 2,5 Mikrometer.
Ergänzend spielen Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Luftbewegung eine zentrale Rolle für Gesundheit und Komfort. Je nach Region können auch Ozon, Stickoxide oder Radon relevant sein.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die mikrobiologische Belastung. Schimmel, Bakterien und Viren können Entzündungen in den Atemwegen begünstigen, insbesondere bei vulnerablen Gruppen. Gerade in sensiblen Bereichen wie Schulen und Krankenhäusern ist es daher wichtig, diese Aspekte zu berücksichtigen.
Insgesamt zeigen moderne Mess- und Monitoringsysteme, wie Risiken frühzeitig erkannt und gesunde Innenräume nachhaltig gestaltet werden können.
Testo: Gibt es Best-Practice-Beispiele aus Büros, Krankenhäusern, öffentliche Einrichtung etc., die messbar von gesundem Raumklima profitiert haben?
Prof. Dr. Zißler: Es gibt inzwischen zahlreiche positive Praxisbeispiele. Moderne Bürogebäude mit kombinierter CO₂- und VOC-Sensorik und bedarfsgerechter Lüftungssteuerung zeigen messbare Effekte: weniger Müdigkeit, bessere Konzentration und höhere Zufriedenheit bei Mitarbeitenden. Auch ökonomisch wirken sich diese Maßnahmen aus, da Produktivitätsgewinne nachweisbar sind. In Schulen führen optimierte Frischluftzufuhr und kontinuierliches Monitoring zu besseren Lernleistungen und weniger Fehlzeiten. Kinder reagieren dabei besonders sensibel auf die Luftqualität. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen senken gezielte Lüftungskonzepte und Luftqualitätsüberwachung nachweislich Infektionsrisiken, verkürzen Genesungszeiten und schützen das Personal. Ähnliche Effekte zeigen sich zunehmend auch in öffentlichen und Verwaltungsgebäuden. Diese Beispiele machen deutlich: Entscheidend ist ein kontinuierliches Monitoring in Kombination mit intelligenter Lüftungssteuerung. So lässt sich dauerhaft hohe Luftqualität sichern – mit messbaren Effekten auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.
Testo: Was können Nutzer täglich selbst tun, um ihr Raumklima zu verbessern?
Prof. Dr. Zißler: Es gibt vieles, was Menschen selbst tun können, um die Raumluftqualität zu verbessern. Technische Lösungen sind dabei wichtig – doch auch im Alltag lässt sich viel bewirken.
Regelmäßiges Stoßlüften, idealerweise mehrmals täglich für fünf bis zehn Minuten, sowie die Kontrolle der Luftfeuchtigkeit (optimal sind 40–60 %) gehören zu den einfachsten Maßnahmen. Mit Hygrometern oder smarten Sensoren lässt sich dies gut überwachen.
Ebenso entscheidend ist die Reduktion von Schadstoffquellen: Reinigungsmittel, Duftkerzen oder Raumsprays belasten die Luft, ebenso Geräte wie Drucker oder Kopierer, die möglichst separat stehen sollten. In Räumen mit eingeschränkten Lüftungsmöglichkeiten können Luftreiniger mit HEPA- oder Aktivkohlefiltern unterstützen. Zimmerpflanzen ergänzen diese Maßnahmen, ersetzen sie jedoch nicht.
Am wichtigsten ist ein bewusster Umgang mit dem Raumklima. Wer die Einflussfaktoren kennt, kann gezielt gegensteuern und so ein gesundes, leistungsförderndes Raumklima schaffen.
Im Portrait: Prof. Dr. Ulrich Zißler
Direktor des Technologietransferzentrums (TTZ) für Baubiologie und Wohngesundheit
Prof. Dr. Ulrich Zißler ist seit 2025 im Rahmen der Bayern-weit ersten Exzellenzberufung der einzige Professor für Baubiologie und Wohngesundheit. Er ist Direktor des Technologietransferzentrums (TTZ) Baubiologie, Wohngesundheit und Baustoffrecycling im Berchtesgadener Land (BGL) an der Technischen Hochschule Rosenheim und Inhaber der von der Max-Aicher-Förderstiftung gestifteten Professur. Nach seiner Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt am Main war Zißler am Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München sowie am Helmholtz Zentrum München tätig, wo er sich im Bereich Molekulare Medizin habilitierte. Seit 2012 ist er Mitglied im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL).
Am TTZ untersucht er datenbasiert die Auswirkungen von Bauprodukten und Innenraumluft auf die menschliche Gesundheit – mit Fokus auf Prävention und praxisnahe Lösungen.
Bild: Lisa Lanzinger